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Letztes Update: 05.08.2004
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Becritical.de Kolumnen

[ zur Kritik über "Fahrenheit 9/11" ]

DIE TERRORFÜRSTEN – DIE ANSCHLÄGE VON NEW YORK.
GEDANKEN ZU FAHRENHEIT 9/11


Große und symbolische Katastrophen sind in der Geschichte der Menschheit immer wieder Anlass zu einer Besinnung gewesen, in der die Mächtigen der Welt ihre Hybris ablegen, Gesellschaften sich selbst reflektieren und ihre Grenzen erkennen. Nichts dergleichen war nach dem Kamikaze-Angriff auf die Nervenzentren der USA in der Weltgesellschaft zu beobachten. Fast schien es so, als hätte der barbarische Angriff aus dem Dunkeln der Irrationalität nicht nur das World Trade Center platt gemacht, sondern auch den letzten Rest von Urteilsvermögen der weltdemokratischen Öffentlichkeit. 14 Tage nach den verheerenden Anschlägen gab es bereits Souvenirjäger, die sich schnell noch Reststücke der zerstörten Gebäude sichern wollen. Die Perversion ist in vollem Gange. Diese Gesellschaft will sich im Spiegel des Terrors nicht selbst erkennen, sondern sie wird unter dem Eindruck des Grauens sogar noch selbstgefälliger, bornierter und unreflektierter als zuvor. Je gewaltsamer sie auf ihre Grenzen hingewiesen wird, desto heftiger pocht sie auf ihre Macht und desto sturer kultiviert sie ihre Eindimensionalität. Es war schlimm zu beobachten, dass man einige Tage nach dem Abschlachten von unschuldigen Zivilisten bereits wieder zur Tagesordnung überging, so, als ob die Anschläge nie stattgefunden hätten. Die kollektiven Trauer wurde ersetzt durch eine Form von widerwärtiger Spaßfindung, die einem den Atem nahm. Kann es sein, dass die Ströme des Vergessens das Bild der Moderne bestimmen, und kann es sein, dass die „Unfähigkeit zu Trauern“ (Alexander MITSCHERLICH) zum bleibenden Bestandteil des Trägheitsmomentes der Individuen wird?

Es scheint so, als ob wir keine Sicht mehr für das Gegenwärtige besitzen. Die moralische Substanz ist dahin. Selbst zig Kundgebungen und Benefizveranstaltungen können nicht verhehlen, dass Schutt und Asche keinen Umbruch im Denken einläutet, sondern allenfalls die Sprache und Bildwelt zu verändern vermag, die für uns als eine Art Ventil erscheint, das wir schließen und öffnen können, wenn uns danach ist. Jedes zu Unrecht geopferte Leben bleibt wie ein Schrei in der Geschichte zurück, ein Schrei der nicht verhallt, auch wenn wir ihn nicht mehr hören wollen, bleibt er doch allgegenwärtig. Die Toten von New York, das lehrt uns „Fahrenheit 9/11“ müssen unsere Erinnerung beschäftigen, Schreie der Qual, Schreie der Trauer, der Schrei der untröstlich ist.

Nach dem Terrorschlag verhielten wir uns so, als wären wir allesamt Schauspieler und Statisten in einer Realinszenierung des Films „Independence Day“ (Regie: Roland EMMERICH, 1996) Hollywood ahnte ein apokalyptisches Ereignis voraus und verfilmte es als Darstellung von patriotischem Kitsch und hinterwäldlerischer Moral. Wer den Film gesehen hat, kommt nicht darum herum, festzustellen, dass simple Fiktionen und phantastische Einfälle die Spannungen mit dramatischen Konflikten erzeugten, die einige Zeit später realer denn je wurden. Kompromisslos wirklichkeitsfremd lautete damals die einhellige Kritik, so als könnte ein solches Ereignis niemals die Welt erschüttern. Die Kulturindustrie hatte auf eine erstaunliche Weise die Wirklichkeit der Katastrophe banalisiert und entwirklicht, bevor sie überhaupt real wurde. Bill PULLMANN kommt BUSH zuvor, schwört die Amerikaner auf den Kampf des „Guten gegen das Böse“ ein, und ganz nebenbei machen die Außerirdischen die Freiheitsstatue platt, das Weiße Haus, das Empire State Building. „Bitte bleiben sie ruhig“ - unsere Zeit wird kommen: Roland EMMERICH in der Begegnung mit der Zukunft.

Und doch spiegeln Filme keine Wirklichkeit. Der Morgen dämmert, der Tag bricht an; das Gauklerbild ist zerschlagen und läuft mit höchster Geschwindigkeit vor unserem gebeutelten Auge auf und nieder. Der Glaube, der Berge versetzen soll, dass niemals ein solches Ereignis Wirklichkeit zu werden vermag, ist auf einmal kein heiliger Berg mehr, sondern unmittelbar oder vermittelt ein Produkt des zwanghaft vereinheitlichten Weltsystems. Die ‚One World’ gebiert auf einmal den Mega-Terror, und nimmt eine bisher nie da gewesene neue Qualität an, die alles Vergleichbare in den Schatten stellt: die Apokalypse, die aus dem blutigen Mutterkuchen herausgeschält wird. Am Charakter der Schandtaten hat sich Jahren nichts geändert. Die Taten der Terroristen reifen wie alter Wein; ihre Geschichte gleicht einem Laboratorium von Frankenstein, wo ein „ethisches Gebot“ fiktiv darauf hinausläuft, die Verbesserung einer „schlechten Welt’ zu erreichen.

Was hier als fremdartige Furie des Terrors erscheint, wächst auf einmal in der realpolitischen Gegenwart als Krebsgeschwür: da rüstete einst der Westen Saddam Hussein gegen das iranische Mullah-Regime auf, das seinerseits aus der Modernisierungs-Ruine des Schah-Regimes gekrochen war. Die Taliban wurden von den USA gepäppelt, geschult und mit effizienten Flugabwehrraketen ausgerüstet, weil damals alles zum Reich des „Guten“ zählte, was gegen die Sowjetunion gerichtet war. Und der jetzt zur mythischen Figur des Bösen aufgeblasene Wirrkopf Usama bin Laden betrat aus demselben Grund ursprünglich als „baby“ der westlichen Geheimdienste die Weltarena der bewaffneten Paranoia. Aber weil diese Welt nicht nur seit den Terroranschlägen aus den Fugen geht, verselbständigt sich ein Wechselbalg nach dem anderen. Die, die heute aus dem Mutterschoß kriechen, die Aliens der Gesellschaft, werden zu realen Monstern von morgen. Die Fürsten des Terrors, die Gotteskrieger und Clan-Milizen sind allerdings keineswegs nur äußerlich vom Westen instrumentalisierte Kräfte, die ihm nun zu entgleiten beginnen. Auch ihr Geisteszustand ist nicht „mittelalterlich“, sondern postmodern; denn ihr religiöser Terror schlägt ebenso blind und sinnlos zu wie die „unsichtbare Hand“ der anonymen Konkurrenz, unter deren Regiment permanent Millionen von Kindern verhungern - um nur ein Beispiel zu nennen.

Wenn die Medien zwischen den Zeilen eine heimliche Bewunderung für die ungeahnten technischen und logistischen Fähigkeiten der Terroristen erkennen lassen, dann wird leider die Verwandtschaft der Seelen deutlich, die schon in „Faust“ von GOETHE die Hin- und Hergerissenheit der menschlichen Katastrophe widerspiegelte. Beide Seiten gehören gleichermaßen der modernen „instrumentellen Vernunft“ an. Denn auf beide trifft zu, was in „Moby Dick“ (Herman MELVILLE) dieser großen Parabel auf die Moderne, der unheimliche Kapitän Ahab sagt: „Alle meine Mittel sind vernünftig, nur mein Zweck ist wahnsinnig.“ Die Ökonomie des Terrors entspricht spiegelbildlich dem Terror der Ökonomie. Für „Fahrenheit 9/11“ ist das allerdings kein Thema, obwohl gerade dieser Zusammenhang einmal mehr den Zusammenhang von ökonomischem und militärischem Terror aufzeigen könnte.

So erweist sich der Selbstmord-Attentäter als die logische Fortsetzung des einsamen Individuums in der universellen Konkurrenz unter den Bedingungen der Aussichtslosigkeit. Was hier zum Vorschein kommt, ist die erschütterliche Wahrheit der sog. „offenen Gesellschaften“, die Sigmund FREUD vielleicht als „Todestrieb“ interpretieren würde; oder man vielleicht in Anlehnung an CLAUSEWITZ formulieren könnte: „Terror heißt, dem Gegner unseren Willen aufzuzwingen.“ Der auf diese Funktion reduzierte Mensch wird ebenso verrückt wie der Mensch, der den Terror als Sinnbild eines Heilsversprechen interpretiert. Die Vernunft entlässt ihre Kinder!!

Fazit: Sollte tatsächlich der „Kampf der Kulturen“ (HUTTINGTON) begonnen haben, dann wird es kein Brückenschlag zwischen dem Westen und ihnen mehr geben. Der Koran scheint bei den radikal islamistischen Terroristen die gleiche Wirkung zu besitzen, wie einst Hitlers „Mein Kampf“. Die Gefährlichkeit ist offensichtlich. Und sie wird weitere Opfer fordern, wenn es dem Westen nicht gelingt, den verzweifelten Friedenswünschen auf der Welt nachzukommen. Doch dazu scheint mehr notwendig zu sein, als ein Anti-Terrorismusprogramm, das auf 10 Jahre angelegt ist.

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg.“ (Ghandi)

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von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, 31. Juli 2004.
 
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