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Letztes Update: 31.01.2004
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DER KRIEG DER BILDER - WELCOME TO THE PICTURES

Ob Krieg im Nahen Osten, Säbelgerassel um Nordkorea, oder Krieg im Irak. Kriege und Kriegsvorbereitungen, das ist auch der Stoff für die Medien. Jede neue militärische Strategie geht einher mit einer ebenso durchdachten und grausamen medialen Kampagne, deren wichtigste Waffen die Bilder mit ihrer Einprägsamkeit und ihrem emotionalen Sog sind. Aber welche Bilder haben eigentlich die stärkste Wirkung? Sind es eher die bewegten der Film- und Fernsehkameras oder doch die festgehaltenen Bilder der Fotografen? Und wie steht es um die Diskrepanzen, die zwischen den Absichten der Filmer und Fotografen und den Zwecken der Vertreiber bestehen?

Ein noch nicht stattgefundener Krieg erhielt zur Jahreswende 2002/2003 in den Medien den Zuspruch, den man einem solchen Ereignis beimisst. Überall wurden Kriegsvorbereitungen gezeigt: Soldaten bei Manövern, endlose Panzerkolonnen, Vorbereitungen für einen Kriegseinsatz der Marine, Paraden, Marschflugkörper zerstören Attrappen, auf dem Boden und in der Luft, Kriegspläne werden bekannt gegeben, Ultimaten gesetzt, Luftaufnahmen gezeigt. Admirale im Disput mit der Presse, Verteidigungsminister schwören die Truppen ein, der Präsident, stets mit ernster Mine, verkündet den Sieg der Streitkräfte wenn sie denn losschlagen sollten. Und tatsächlich ließ der Irak Krieg nicht lange auf sich warten.

Das alles war umgeben von dem ‚Flair' des Krieges. Es steht außer Zweifel, dass in diesem Kampf, in diesem Krieg, die Bilder eine entscheidende Rolle spielen sollten. Dort, wo gefilmt wurde, wo Aufnahmen zugelassen waren, trugen sie auch zur Radikalisierung beider Lager bis zur jüngsten Zeit bei. Aus diesem Grunde fragt man sich immer wieder, welcher Status den Bildern zukommt. Die einen sind geradezu auf schockierende Bilder erpicht, andere würden sie lieber verhindern wollen. Die eine Nachrichtenagentur vertraut der Presse, die Aufnahmen des Militärs abliefern, die andere zeigt sich bemüht, sich mit freien Journalisten und ihren Fotos zu arrangieren.

Ob Film oder unbewegtes Foto, es bleibt die Frage: was kommentieren sie? Man kann nicht davon absehen, dass sie, vielleicht in bester Absicht, die laufenden Ereignisse dokumentieren. Dass sie zugleich Einfluss nehmen auf diese Wirklichkeit, gehört zu ihrer Wirkung. Zu klären bleibt noch, was es letztlich bedeutet, dass die Bilder heute nicht mehr den Moment festhalten, sondern als Endlosschleife über den Globus flattern. Und: welche Rolle spielen sie in einer vernetzten Welt, in der mehr und mehr der Ereignishorizont verschwindet und von einem diffusen Gebräu der Exklusivität überlagert wird?

Aus ebendiesem Grund können sie auch verboten werden. Die israelische Armee hatte jüngst bei ihrem Vorstoß gegen die Palästinenser in der Westbank und dem Gazastreifen die Parole ausgegeben ‚No Pictures!'. Offensichtlich soll der Aufschrei nicht auf Fotos festgehalten und in Bildern dokumentiert werden. Was man sieht, oder gesehen hat, sind heranrollende Panzer, Vermummte, brennende und zerstöre Häuser, weinende Kinder und verstörte Frauen. Niemals wird die Wahrheit fotografiert oder gefilmt. Das ist der Unterschied. Wenn es um das Ganze geht, um die Relevanz und die Eindringlichkeit, dann versagen sie, die ‚griffigen Symbole', wie sie der Frontfotograf Michel GUERRIN einmal nannte.

Dass es in einem so prekären Konflikt wie der Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis kaum Fotos gibt, oder Bilder, die den‚ entscheidenden Augenblick' festhalten, macht den eigentlichen Unterschied aus, und das wissen auch die Führer in beiden Lagern genau. Dieses beklagenswerte Fehlen der Unmittelbarkeit geht einher mit einer anderen Art von Präsenz: der des Fernsehens. Als wollten sie den Mangel an symbolkräftigen Bildern ausgleichen, zeigen die Fernsehsender ihre exklusiven Filmsequenzen ein ums andere Mal. Es geht am Ende darum, durch ständige Wiederholung jene Kraft auszugleichen, die wir gewöhnlich den fixierten Bildern zuschreiben.

Die Übungen des amerikanischen und britischen Militärs in der Wüste von Kuwait waren seit Wochen gleich. Man sah immer die gleichen Soldaten, die immer wiederkehrenden abgesprochenen Orte, in denen gefilmt werden durfte, die gleiche Einstellung der Kameramänner und dieselben Posen. Fast schien es so, als ob diese ‚Kriegsbilder' uns von der Realität eines Krieges abbringen sollten, doch dieser hat in den Köpfen, die auch Schauplätze des Krieges waren, in den Fotos, auf Videoband und auf Papier schon längst stattgefunden, bevor die eigentlichen Kampfhandlungen begannen.

Es gibt natürlich auch die Bilder, die selten oder gar nie zu sehen waren. Nicht weil sie nicht existierten oder ohne Relevanz wären, sondern weil sich im entscheidenden Moment kein Verantwortlicher in den audiovisuellen oder Printmedien dafür stark macht, sie zu zeigen. All die Bilder von der Sprengung der Häuser palästinensischer ‚Verdächtiger' durch die israelische Armee, von den Übungen amerikanischer Streitkräfte an der Grenze zu Nordkorea, die alltäglichen Erniedrigungen eines weitgehend unbewaffneten Volkes, wie das der Palästinenser, die Furcht erregender Kampfhubschrauber-Einsätze, all diese Bilder gibt es zwar, doch man sieht sie nicht.

Es deutet alles darauf hin, dass Fotos und Bilder bewusst zurückgehalten werden, ob zu Recht oder zu Unrecht bleibt dahingestellt. Das ‚kollektive Unbewusste' soll nach Möglichkeit keinen Zugang zu ihnen haben. Die Anteilnahme der Welt an der Barbarisierung dieser Zeit ist nicht fotogen, schon gar nicht geb(r)annte Bilder, die sich in den Köpfen festsetzen. Die fotografierenden Kriegsberichterstatter sind abgelöst worden durch das allgegenwärtige, allmächtige und globale Fernsehen. Diesem ‚kriegerischen Imperialismus' (Neil POSTMAN) kommt wieder einmal entscheidende Bedeutung zu. In ihm zeigt sich die ganze Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung und den Ereignissen, die es allerdings nicht beeinflussen kann. Doch es ist die Sucht nach Abhängigkeit, die uns die bewegten Bilder vorgaukeln, sie wetteifern mit unserer Phantasie, und in dem Bestreben, Unausdenklichkeiten zu ersinnen, verstehen wir die Wirklichkeit mehr und mehr als Fiktion, von jeglichem Menschenverstand weit abgerückt. Der zurückliegende Irak-Krieg bestätigte den Umgang mit den Bildern und der Sucht, sie festzuhalten, einmal mehr fürs Fernsehen.

"Das Fernsehen ist die Schaffung eines wirklichen Theaters für die Massen." (Neil Postman)

von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, Februar 2004.

 
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