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Letztes Update: 31.01.2004
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DER ABGRUND RUFT DEN ABGRUND HERBEI - DER NACHRICHTENGAU DER MEDIEN

Zu den vielfältigen historischen Zäsuren, die der 2. Weltkrieg hervorbrachte, gehört die endgültige Etablierung der neu aufkommenden Medien Film und Rundfunk. Später kam das Kino dazu. Hatte schon der amerikanische Bürgerkrieg und später in noch viel stärkerem Maße der 1. Weltkrieg der (Massen-)Presse zu bedeutenden Entwicklungsschüben verholfen, so popularisierte der 2. Krieg vor allem zunächst das Radio, das eine ganz andere als bisher gewohnte Form der Berichterstattung brachte: erstmals gab es "Live-Übertragungen" von einem Krieg. Der BBC-Korrespondent Charles GARDNER gehörte mit zu den ersten, die 1940 aus der südenglischen Grafschaft Kent über den Luftkrieg gegen Deutschland berichteten. Damit war der Code geknackt: der Staat und die militärische Macht waren zum Bewusstsein unterwegs. Das Radio gab zu verstehen, dass Meldungen aus allen Winkeln der Welt nur aus der Perspektive der eigenen, fortwährenden Überarbeitung zu verstehen sind, und wenn sie dann den Zuhörer erreicht haben, sich ihre innere Dramatik, die ihnen zugrunde liegen, bereits so grobkörnig verändert hat, dass die Dinglichkeit des eigentlichen Ereignisses nur noch auf Karten und in Statistiken festgehalten werden kann.

Mit den ‚Totzeiten' der Übertragungen (die Zeit, in der oft minutenlang kein Wort gesprochen, oder Musik gespielt wurde, oftmals Kriegsgeräusche im Hintergrund zu hören waren) bekamen sie die eigentliche Besonderheit: die Überlagerung mit anderen Nachrichten und deren Trennung in weniger wichtigere oder herausragende. Bei diesen und weiteren Korrespondentenberichten, denen das geschriebene Wort fehlte, wirkten die Radioreportagen authentisch. Und durch die Unmittelbarkeit gewann der Reporter an Glaubwürdigkeit und damit an Autorität. Völlig untergegangen war, dass es keinen Fortgang der eigentlichen ‚Story' gab, dass die Berichte sich weder durch Ordnung, noch durch die einer gewissen Kontrolliertheit kennzeichnen ließen. Weil die Sendezeiten im Krieg immer kostbare Zeiten waren, war der Inhalt auch meist chaotisch, in gewisser Weise sogar ‚verrückt', wenn man das hier als die Unfähigkeit betrachtet, aus Quellen der Verbindlichkeit zu schöpfen. Es ging auch darum, die Zuhörer bei der Stange zu halten, ohne die Probleme gründlichst zu hinterfragen, zu erläutern und stattgefundene Ereignisse in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Darunter litt die Länge der Beiträge, die selbst dann, wenn sie am Abend vorher geschrieben wurden, unter Prioritäten und Konkurrenz anderer Kontexte litten.

Bereits sehr früh kristallisierten sich methodische und formale Fragen im Angebot der Nachrichten heraus, die es fast verunmöglichten, über wichtige Ereignisse angemessen zu berichten. Tendenziell gab es den Trend, sich an deren Oberfläche zu halten, was im übrigen für die Printmedien genauso wie für die heutigen Fernsehnachrichten gilt. Der Reporter der ersten Kriegsnachrichten war mitten im Geschehen, er war ‚dabei', suggerierte, dass er wissen müsste, was vor sich geht. Er konnte der Welt erzählen, wie der Gegner seine Gefangenen mit Panzern überrollt, wie es aussah, wenn in ‚einem Land' Häuser in Flammen standen, sich dunkele Rauchwolken am Horizont emporhoben. Objektiv konnten all diese Wiedergaben nicht sein. Es fehlte neben der kritischen Distanz zum Geschehen die Einordnung in das Ganze. Immer stand der totale Sieg über den Feind als zwingende Lösung im Mittelpunkt. Manipulationen und Lüge, das war die amtliche, militärische, radiohafte und journalistische Darstellung der Frontereignisse, die reale Geschehnisse irgendwie verzerren mussten, wenn sie ins fetischistische Bewusstsein der Massen vordrangen. Erst die Zeitung, dann das Radio, der Film, später das Fernsehen und die Kommunikationstechnologien wurden nach und nach zu den wichtigsten Medien einer großen und gigantischen Irreführung, denen auch alle dafür notwendigen Machtmittel zur Verfügung standen.

Die nachhaltigen Glaubwürdigkeitsverluste, unter denen sie litten, sind Hinweise auf die machtpolitischen todgefährlichen Gedankengänge, die sich in der nationalen und internationalen Medienpolitik widerspiegelt. All diese Umstände begrenzten den angemessenen Gesichtskreis der Berichterstattung: die angediente staatliche Strategie bekam die dementsprechende Unterstützung von der Propaganda, die die öffentliche Meinung ‚aufpolierte'. Die Informationen, die über den Äther Verbreitung fanden, waren nicht nur inhaltlich reduziert, im Prinzip auch parteiisch. Das galt nicht nur für die Propaganda des Hitlerfaschismus, sondern ebenso für die Länder, mit denen sich Deutschland im Krieg befand. Praktisch fand sich das alles in den Berichten über die Front und dem ‚Zustandsbericht' wieder: euphorische und fiktive Heldengeschichten, Dämonisierungen des Gegners, die an der Realität ‚vorbeireportiert' wurden. Nicht selten kam es vor, dass die Nachrichtensprecher erfundene Geschichten die von Fakten unbelastet waren weitertrugen, und das rief einen falschen Eindruck hervor, eine Widersprüchlichkeit, die den Anspruch der Öffentlichkeit auf freie Information zunichte machte. Dass die jeweilige Gegenseite bei der Wiedergabe von Ereignissen ebenso selektiv vorging, konnte aus der Sammlung von Gerüchten ‚erhört' werden, den nicht zu überprüfenden Augenzeugenberichten, den Verzerrungen, Verklärungen und Mystifizierungen. Niemand konnte sich gründlich über das Medium Radio informieren. Selbst der Filmzuschauer, der das lebende Bildnis der wohldosierten Apokalypse über sich ergehen lassen musste, hatte keine Möglichkeit, die Abfolge von Ereignissen nachzuzeichnen, die zu den Schlagzeilen der heutigen Tage führen.

Rundfunk und Film, waren jene Medien, die über die Massen ‚nachgedacht' haben, bevor sie sich an sie wandten. Politisch und militärisch haben sie lebendige Bilder in Szene gesetzt, denen es nie an Wirkung mangelte, wenn es galt, sie effektvoll als Quelle von Information und Gegeninformation zu benutzen. Das Radio fungierte zusätzlich als Zustimmungsritual. Reportagen wurden sorgfältig orchestrisiert, um peinliche Überraschungen auszuschließen. Die willkürliche Aneinanderreihung von Statements (im Film der Impressionen) zerschnitt die Urteilsfähigkeit, die meistens ohne jede Beziehung zueinander standen, schon gar nicht zu irgendeiner Vorstellung von historischer Entwicklung. In diesem geschlossenen System herrschte die akustische Rechtfertigung, die pausenlose Indoktrination der offiziellen Lehrmeinung.

Der deutschen Generalstabschef Erich LUDENDORFF hatte im Juli 1917 den Film als "überragende Macht des Bildes" charakterisiert, der "eine gewaltige Bedeutung als politisches und militärisches Beeinflussungsmittel" habe. Der Hörfunk ging den zweiten Schritt: die Vermengung mit einer Kette von Katastrophen ‚hörbar' gemacht, erweckte den Eindruck, dass überall permanenter Kriegs- und Krisenzustand herrscht, obwohl es auch im Krieg ‚Friedenszeiten' gab. Für beide Medien war die Krise des Kapitalismus undurchschaubar, ahistorisch und unlösbar. Es ging nur um den pragmatischen Versuch, mit der sich anbahnenden Entwicklung fertig zu werden. Gaukelte das eine die heile Welt, den Euphemismus, die Verschleierung der Wirklichkeit, die nicht in das Wesen der Dinge eindringt, war die Wortmagie des anderen die zentrale Strategie. Sie setzte auf eine Bevölkerung, die an die magische Kraft der Wörter glaubt. Das war die ‚Stimme des Apparates', mal höflich klingend, gedämpft, sogar freundlich, unterwürfig, erhebend, pathetisch und fordernd. Von der kühlen, gesetzten, zynischen Sprache, den Schleier der Melancholie verlassend, fühlten sich Bürger und Institutionen gleichermaßen überwältigt, so dass sie alle von Bürokraten erlassenen Regelungen und Vorschriften ohne großen Widerstand als unveränderlich akzeptierten. Die Wiederholung der Bilder war nichts anderes als eine bloße Metapher für organisierte Macht. Das Radiohafte war Routine, meistens Desinformation und entwickelte sich zur größten Leistung des Medienwaldes. Die Sprache des Kommentators und der Zuhörer/ Zuseher ist am Ende identisch. Selbst wenn sie nach Erläuterung verlangt, ist das meiste davon Unwissenheit, die unter dem Deckmantel der Autorität daherkommt. Eine der abergläubigsten Vorstellungen, die sich bis heute gehalten haben: in den meisten, in sehr bestimmten Begriffen ausgedrückten Anschauungen, für die es keine faktische Grundlage gibt, kristallisiert sich die Vorstellung, das Wissen über irgendeinen Gegenstand heraus, das man nicht besitzt, und was sich objektiv messen ließe. Krieg beginnt mitten im Frieden, kriegerische Konflikte erwachsen aus bestehenden Konflikten, die mit hoher Gewaltintensität ausgestattet sind.

Krisenkommunikation wird in diesem Zusammenhang vom Radio/ Film der ersten Stunde von der Interessenlage des Staates und des Militärs bestimmt. Es ist die fehlgeleitete Kommunikation von Anfang an, die die psychologischen und politischen Prozesse in Gang setzt. Manipulation der Massen nahm die Dimension eines Kreuzzuges an. Den Gegner und das Böse zu schlagen, das waren wie Moralität und Gerechtigkeit hehre Prinzipien. Den Mechanismus der Propaganda im Radio setzte der ‚Volksaufklärer' und Propagandist des Hitlerregimes, Joseph GOEBBELS, bestens in Szene. Nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 begann er damit, seinen Propagandaapparat auszubauen und auf Touren zu bringen. Seit Mitte März gingen Presse, Film und Rundfunk auf sein Ministerium über, und einige Zeit später wurde der erste nationalsozialistische, vom Propagandaministerium vorbereitete Wochenschaubeitrag gedreht. Der ‚Geist des nationalen Erwachens' begann sich dort mit erstaunlicher Geschwindigkeit auszubreiten. Medienwelten und Kommunikationstechnologien nahmen hier ihren eigentlichen Anfang. Ritualisierende Verlautbarungen schalteten den gesellschaftlichen Organismus gleich. Die innere Haltung des Menschen sollte "beeindruckend und beeinflussend" wirken (so GOEBBELS). Die mühelose Verbindung, die das Parolendreschen mit vielen politischen, kulturellen und intellektuellen Ideen herstellen konnte, war schon sehr beachtlich. Vermutlich deshalb, weil es eine zentrale Koordinierung und eine Zusammenführung der Vielfalt von Stereotypen zu einem Monosystem gab, das alle Elemente einer kultisch-mystischen Heilsreligion aufwies.

Das allerdings war von vitaler Bedeutung. Medial betrachtet trug die propagandistische Lenkung des Volkes, mit "einer Stimme", mit der "Stimme des Führers zu sprechen", dem bereits im Untergrund schlummernden Kriegszustand Rechnung, schürte unablässig Hass- als auch Angstgefühle. Beides waren elementare Vorbedingungen für Gewalt und Gewaltbereitschaft. In dieser perfekt durchorganisierten Informationsmaschinerie kam dem Film im Sinne von LUDENDORFF eine wichtige Bedeutung zu. Er zeigte die enorme totale Einbindung und Unterwerfung des Einzelnen unter das System durch den Rundfunk. Zwischen 5 und 10 Millionen Meter Film sollen zwischen 1939 und 1945 an den Fronten für Kriegswochenschauen, "Die Deutsche Wochenschau" und die "UFA-Auslands-Tonwochenschau" abgedreht worden sein. Das Material wurde selektiert und erst nach gründlichster ‚Bearbeitung' vom Oberkommando der Wehrmacht und dem Propagandaministerium freigegeben. Auf diese Weise konnte die Weltöffentlichkeit von den wirklichen Situationen an der Front auch wenig erfahren. Der Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 1. September 1939 führte beispielsweise in den USA dazu, dass dieser Überfall ausschließlich aus deutscher Perspektive geschildert wurde. Ähnliches spielte sich bei der Besetzung Norwegens im Frühjahr 1940 ab. Es war allemal wichtiger, den Feind zu entmenschlichen, als über die Unmenschlichkeit der eigenen nationalen Kriegsführung in Wort und Bild auch nur ein Wort zu verlieren. Kriegsberichterstatter, Redakteure, Verleger, Filmemacher wurden darauf eingeschossen, die verlängerten Arme von Politik und Militär zu sein und alle glaubten, für eine ‚gerechte Sache' Lügen zu dürfen: totaler Ausverkauf der Ideen in einem totalitären Krieg, die Medien im Würgegriff der Macht, die historischen Einschnitte ersten Ranges.

Im 21. Jahrhundert hat sich das Denken der Medien den Verzückungen und Verheißungen enormer kolossaler Gefühlsregungen angepasst. Die moderne mediale Technik hat die Jetztkultur vergewaltigt und verführt. Sie hat sie unter ihre Kontrolle gebracht, und besteht darauf, dass sie sich dem Willen der Politik und der Idee der Besessenheit anpasst, sich ihnen unterordnet. Sie ist dabei, ein gewaltiges Gesellschaftsexperiment durchzuführen. Das globale Informationsnetzwerk, das einst mit Film/Hörfunk begann, nimmt die Katastrophen dieser Welt mit ungläubiger Gelassenheit und Gefasstheit auf. Analogien aus der deutschen Vergangenheit, wenn an die Berichterstattung der Kriege der letzten 30 Jahre gedacht wird. Das flößt Angst ein, weil die Darstellung von unübersichtlichen Verhältnissen in eine bekannte, vertraute Anordnung mündet: Zuhörer/ Zuschauer zu indoktrinieren, sie in den staatlich kontrollierten Kanälen zu vereinnahmen. Im Wettbewerb mit anderen Programmen werden alle politischen Sendungen persönlichkeitsorientiert betont und hinterlassen beim Publikum den Eindruck, dass ihnen die Bomben bildlich gesprochen auf den Kopf fallen. Die mediale Täuschungsindustrie findet an diesem Spiel gefallen.

Sie orientiert sich an Bildern, die Schlagzeilen bringen. Doch wo die Bilder fehlen, verringert sich die Aufmerksamkeit. Wenn es nur Meldungen gibt (wie im Hörfunk), gibt es keine Bilder - höchstwahrscheinlich der beginnende Verfall für analytische und kritische Fähigkeiten. Sie bedient sich keiner differenzierten Sprache mehr, ist dem Ergebnis nach standardisiert. Die Auswirkungen auf das politische Leben können nur als verheerend bezeichnet werden. Probleme, Inhalte, die Verbreitung von Basiswissen über ein Krisengebiet ist Augenblicksschwankungen unterlegen. Medien und Krieg wirken wechselseitig aufeinander, sind voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Die gesteuerte Information ist wesentlicher Bestandteil der (jeder) Berichterstattung, da Krieg ein Ereignis ist, das sich besser als der Friede verkaufen lässt.

Das Fernsehen hat die "spannende Nachricht" schon immer als ‚anregend' empfunden. Besser als jede Unterhaltungssendung und noch besser als jede Werbung, hat es die Grenze zum Alltagsbewusstsein beschritten und erreicht. Hat sich die Bevölkerung erst einmal daran gewöhnt, wird jede Grenze zwischen der realen und der symbolischen Welt ausgelöscht. Was vermittelt wird, tritt in den Werbespots der ‚Vorkriegs-und Nachkriegssendungen' auf: die unmittelbare Wunscherfüllung, jetzt etwas ‚anderes' zu sehen, nicht nur immer Krieg! Im zurückliegenden Golfkrieg war das einmal mehr frappant. Werbespots handeln von Wertvorstellungen, von Mythen und Phantasien. Sie bilden geradezu einen Korpus für das psychotische Bewusstsein, das als Montage einer gewaltigen Menge von visualisierten kryptischen Texten, die Bilder und Geschichten, Worte und Töne liefert, an denen die Menschen ihr Leben orientieren sollen, auftritt. Das Projektionsbild der Sehnsüchte giert nahezu nach Scheinheiligkeit und Unwissenheit.

Der dramatische Augenblick der dem Fernsehpublikum vorgespielt wird, ist mit Vor- und Abspann, mit den Hinweisen auf das Stück von morgen, oder der nächsten Woche, in seiner Bedeutungstiefe zerplatzt. Es gibt im Kulturbetrieb der Moderne keine Eindringlichkeit mehr, die warnend und stark verdichtet hervortreten könnte, um die eigentlichen Handlungsfäden einer Berichterstattung ausführlichst zu entfalten. Es bleibt gerade Zeit genug, knappe Geschichten mitzuteilen. Und analog zum Hörfunk der ‚ersten Stunde', gibt es auch hier nur Nebenhandlungen und Nebenschauplätze. Folglich wird es verunmöglicht, in Krisenmomenten mit Kriegsreportagen umzugehen. Übrig bleibt die Finsternis der Verflechtung, das Konglomerat aus Steuerung, Instinkt, Seelenqualen. Und last but not least entlässt das Fernsehen den modernen Menschen in den irrationalen Wahn - mit dem Tanz auf dem Vulkan. Ein beginnendes Gefecht, sicher nicht das letzte, saugt die Kommentatoren der Medien auf. Pathologische Reaktionen sind die Folge. Das Geschehen, fast schon der Gig, wird mit erstaunlicher Gelassenheit und Gefasstheit aufgenommen. Bedrohliche Ereignisse, die sich die Hand geben, machen der deutschen Schizophrenie offensichtlich nichts mehr aus. Das kann in der modernen Warenproduktion kein Ausdruck von Reife sein, eher ist es eine Art Entwurzelung menschlicher Ethik überhaupt.

Die gewaltige Ruhe, die eintritt, wenn das Gerät ausgeschaltet wird, ist jedoch immer nur von kurzer Dauer. Das Drama belebt sich erneut, wenn das Bild des Fernsehgerätes die Krisengebiete dieser Welt einblendet. Es gibt keine Ruhe! Vermutlich gehört das mit zu den größten menschlichen Fehlleistungen im zurückliegenden Jahrhundert. Medien sind Zeit-Binder geworden. Das Fernsehen hat es geschickt verstanden, sich von Ort zu Ort zu bewegen und die materielle Umwelt bestens zu beherrschen. Mit dem Fernsehen werden Menschen gemacht, die ihr Erleben durch die Zeit transportieren. Als Zeit-Binder kann es auch Wissen aus der Vergangenheit ansammeln, an die Gegenwart weitergeben. Irgendwann werden dann die Gewaltaktionen, die es so vortrefflich und präzis schildern kann, als Folge dieser abstrahierten Wirklichkeit auf uns niederkommen und auf uns einschlagen. Wir bekommen sie bereits am eigenen Leib zu spüren, wenn etwa an die Ereignisse um den 11. September 2001, an Schulmassaker, oder an all die Attentäter gedacht wird, die wegen "15 Minuten Ruhm" die Schallmauer der modernen Massenkultur bereits durchbrochen haben. Selbst sie sind nur noch im geißelnden Scheinwerferlicht zu begreifen. Das Fernsehen bereitet ihnen tägliche ihre Bühne, auf der sie jede Widerstandsschwelle schon längst durchbrochen haben.

Der Verblendungszusammenhang ist der Weg des Zusammenspiels aller medialen Stoffe der Moderne. Multimedia ist heute ein Energiestrom, ein stetig tobender Basar, wo der Austausch von Bildern keinen anderen Sinn hat, als den Umsatz zu steigern. PR und Marketing helfen, das zu kanalisieren, die Energieströme des Konsumenten zu verdichten. Die selbstmörderische Unlogik eines Bereiches der Massenkultur tritt hier zu Tage. Der moderne Kulturbetrieb hat an dieser Front seine Unschuld längst verloren. Für menschenfreundliche Politik ist kein Platz mehr. Im Bilderkrieg nicht, in der Information nicht, an den Fronten schon gar nicht. Das Fernsehen, das im ursprünglichen Sinne ja ‚Vergnügen' sein sollte, hat die globale Welt ins Wohnzimmer geholt und ist mitverantwortlich für die Degenerationen des Geistes.

Der Medienwald und die Kommunikationstechnologien pfeifen daher auf jegliche Ideale und Moral. Wenn nach dem Abspann einer Berichterstattung über ein Krisengebiet Action-Filme gezeigt werden, die allabendlich über die Mattscheibe Flimmern, Brutalität, Schmutz und Tod, Tränen, Trauer und Zerbrechen gezeigt wird, dann erzieht die Kulturindustrie (respektive Fernsehen) den Menschen zu Tyrannen. Im gesellschaftlichen Niedergang wird so noch mehr Stumpfsinn gezüchtet, Selbstzufriedenheit und Schrecken. Schlimmer ist aber noch, dass diese ‚Kunstwelt' eine Scheinwelt ist, und dass inmitten von Unterhaltung das Bild bruchstückhaft wirkt. Selbst Krieg ist vor diesem Hintergrund nur Unterhaltung und Entertainment, Zirkus, Theater. Und im abgedunkelten Zimmer lässt er sich bestens mit Leckereien konsumieren. Wenn die Medienwelt gedenkt, den Menschen ‚zerstreuen' zu müssen, dann hat sie das gesamte Leben bereits in eine ewige Unterhaltungssendung eingepfercht, und die Spezies Mensch auf Dauer darin eingebunden,

von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, Februar 2004.

 
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