|
|
 |
|
DAS GANZE LEBEN IST EIN QUIZ - UND WIR SIND NUR KANDIDATEN
Das Quiz im Fernsehen gehört zu jenen Shows, die nach Angaben der Macher, einen „hohen Unterhaltungswert“ garantieren. Allabendlich schalten Millionen Zuschauer diese Sendungen ein,
um bei Matthias OPDENHÖVEL (SAT1), Jörg PILAWA (ARD), oder Günther JAUCH (RTL) dabei zu sein. Der Sport-Quiz, den man auf DSF oder Euro-Sport zu sehen bekommt, reiht sich hier nur ein, und man ist verblüfft, zu sehen, wie Menschen hier unverfälscht sich selbst zur Schau stellen.
Warum sieht sich ein Millionenpublikum Quiz-Shows an: um mitzuraten, oder gar mit ‚sympathischen’ Kandidaten mitzufiebern, den eigenen IQ zu überprüfen oder selbstgefällig im Sessel lässig die 500.000€ Frage ohne Joker zu beantworten? Nein! Niemand bewundert Menschen, die klüger sind als man selbst. Quiz-Shows sieht man sich an, um dabei zu sein, wenn Millionäre
gemacht werden. Und man wäre gerne dabei, wenn es um den Supergewinn geht, den man anstelle eines Professors oder Mechanikers gerne einheimsen würde. Hier erfüllen wir uns unsere sehnlichsten Wünsche. Einmal auf dem Thron sitzen zu dürfen, um dann die letzte Frage mit einem Lächeln auf den Lippen zu beantworten, würde uns augenblicklich ins Traumland bringen. Doch leider ist auch hier der Wunsch der Vater des Gedanken. In der Regel ist es die reine Schadenfreude, die uns am Bildschirm fesselt. Wir ergötzen uns am Versagen der Kandidaten und erfreuen uns, wenn sie schon an einer 200€ Frage scheitern. Tritt das ein, sind wir erfreut darüber, dass die ‚überdurchschnittliche Intelligenz’ der Quizkandidaten sich doch nur unserer angleicht, und ihr
schier unerschöpfliches Allgemein- und/oder Expertenwissen, das uns in Erstaunen versetzt, macht klar, dass sich vor unseren Augen nur die Cleverness der Fernsehmacher abspielt, und die Kandidaten nur die quotengerechte Norm zu erfüllen haben.
Das Fernsehen zeigt mit diesen Shows seinen Glanz, seine Allmacht und seine Verführungskraft, die den Hintergrund für Quizsendungen abgeben. Quiz-Shows sind jene Shows, die süchtig machen. Sie sind der kapitalistische Traum vom Aufstieg und Erfolg, in denen man sich an den Außenseiter, aber auch an den Literaturprofessor klammert, wenn ihnen im geißelnden Licht der Fernsehstudios Woche für Woche das große Geld angeboten wird. Das ist der wahre Grund für die Faszination, der wir unterliegen, wenn sie mit ihrer (scheinbar) demonstrierten und ‚unglaublichen Intelligenz’ zu Werke gehen, und in den Wettlauf um Euros einsteigen. Diese Sendungen gehören mit zu den beliebtesten, nicht nur, weil sie den Begriff ‚Ethik’ aus dem Vokabular gestrichen haben, sondern auch, weil sie konsumierte Unterhaltung auf einem Niveau feilbieten, das angeblich allen zur Verfügung steht, und weil den Kandidaten so Unterhaltung in Form von abgefragtem Wissen angeboten wird.
Der mediale Lohn für diesen allmählichen Verlust der Unschuld, der nur scheinbar in einem Batzen Geld besteht, ist, dass die dort entstehende Kommerzialisierung der Realität, durch die die meisten Menschen in der Zwischenzeit ihre Lebensbereiche wahrnehmen, zum allgemeinen Messstab
für Gier, Habsucht und Protzigkeit geworden ist. Durch die Bereitwilligkeit, sich den Medien auszuliefern, um mit der Unterhaltung zu konkurrieren, verwandeln sich die Kandidaten selbst in
Unterhaltung. Und darüber hinaus ist diese Verschmelzung eingebettet in den immerwährenden Nimbus einer Fernsehkultur, die man am besten mit den Worten umschreibt: jeder will berühmt werden!
Quiz-Shows werden wegen des Prominentenkults und der eigenen Sucht, selbst einmal Medienstar zu werden, geliebt. Sie leben von dem Verkauf von Waren in Geldform und Unterhaltung. Waren werden zu Persönlichkeiten und Persönlichkeiten zu Waren: ein kulturübergreifender Vorgang zwischen den rasch verschmelzenden Welten von Entertainment, Medien, Darsteller und Publikum bricht sich
Bahn. Das ist der Sinn jedes Entertainments. Sie sind die große Täuschung der Fernsehshows, Quotenbringer, Ramsch oder einfach Sakralisierung von Wissen.
Sie entblößen Publikum, Produzenten, Sponsoren und Moderatoren gleichermaßen. Die Werbung für sie auf allen Kanälen, in Zeitungen und Illustrierten ruft in Erinnerung, dass sich ein Wertewandel schon längst vollzogen hat, und sie brechen stellvertretend eine Kluft auf, die sich dort
auftut: ein dichter, intelligenter und fesselnder Film spielt sich symbolisch Frage um Frage zwischen traditionsbewusster Intelligenz und geschäftstüchtigen Pragmatikern vor unseren Augen ab. Irgendwo gleichen sie der berühmten Quiz-Show, die in den späten 50er Jahren in Amerika als „Twenty-One“ (1) bekannt wurde. Sie gehörte zu den beliebtesten Sendungen, bis sie 1958 zum Anlass eines Skandals wurde, der als symbolisch für den allmählichen Verlust des Urglaubens an
das Fernsehen angesehen wurde. Während sich die Kultur der Tyrannei der Unterhaltung beugt, wird
das eigene Leben im Fernsehen in diesen Kontext eingebunden. Sie stellt die überzeugendste, mächtigste und unausweichlichste Kraft unserer Zeit dar.
Historisch betrachtet, huldigen diese Shows einem Buch-, und Allgemeinwissen, das sich in der heutigen Form den Shows des niederländischen Entertainers Lou VAN BURG annähert, der zu Beginn der 60er Jahre in Deutschland mit seinem „Goldenen Schuss“ (1964) bekannt wurde. Er gehörte wie Peter FRANKENFELD zu denjenigen, der Kandidaten und Publikum direkt ins Programmgeschehen einband, und zunächst in Holland, dann auch in Deutschland das Fernsehen ‚revolutionierte’.
Das individuelle Wissen von Menschen musste kulturell in einen Rahmen passen. Dafür boten sich jene Quiz-Shows an, die aus der heutigen Sicht erklären, dass sie eine inszenierte Show waren,
die seit den 60er Jahren vom Mechanismus und der Logistik des Entertainment durchdrungen und geprägt, die Aufmerksamkeit der Medien auf ihre alltägliche Publicity lenkte. Lou VAN BURG öffnete das Fernsehen für die Allgemeinheit, die von den professionellen Veranstaltern vernachlässigt worden war, machte den Zuschauer zu einem ‚Mitspieler’ und später zum Kandidaten. Spätestens hier war klar, dass das Publikum nach Unterhaltung gierte. Alle schienen nur herausfinden zu wollen, wie man das, was man gerade tat, möglichst spannend, unterhaltsam, sensationell in Waren- und Geldpreise eingehüllt, verpacken konnte. Die Quiz-Shows waren geboren. Unterhaltung wurde kaufbar und käuflich.
Das einzige, was jetzt noch fehlte, damit die Quiz-Shows zu einem Lebensfilm werden konnte, waren die Kandidaten aus dem Volk, die im Sessel neben dem Moderator ihre Identität abgaben. In einer Gesellschaft, in der das Leben immer mehr zur Unterhaltung wird, musste das melodramatische Quiz zu einer Fortsetzungsgeschichte heranreifen. Filmreif solle nach Möglichkeit die Grenze zwischen Persönlichkeit und öffentlicher Identität verwischt werden, um dann zur leicht verfügbaren
Ware zu werden. Der äußerst treffenden Bemerkung des amerikanischen Bühnenautors Sam SHEPARD, der meinte "Die Leute hier sind längst die Leute geworden, die zu sein sie vorgeben", ist nichts hinzuzufügen. Es sei denn, man bezeichnet Kandidaten und Moderatoren als Trägerraketen, die ihr Selbst nach dem Start abwerfen und nie wiedererlangen können. In gewisser Weise wäre das die letzte Phase im Austausch von Unterhaltung und Selbst.
"Mit der Flucht aus dem Alltag, welche die gesamte Kulturindustrie in allen ihren Zweigen zu besorgen verspricht, ist es bestellt wie mit der Entführung der Tochter im amerikanischen Witzblatt: der Vater selbst hält im Dunkeln die Leiter. Kulturindustrie bietet
als Paradies denselben Alltag an." (Theodor W. Adorno)
Anmerkungen:
(1) Vgl. den hervorragenden Film „Quiz Show“. Er erzählt von jenen Tagen, als die Seifenblase vom Glauben und Vertrauen in die flimmernden Bilder für ganz Amerika platzte. „Twenty-One“ war eine der erfolgreichsten Shows von NBC in den fünfziger Jahren.
Quiz-Show, USA 1993
Regie: Robert Redford
Darsteller: John Turturro, Rob Morrow, Ralph Fiennes u.a.
Filminhalt:
Der jüdische Arbeiter Herbert Stempel aus Queens, mit schlechtsitzenden Anzügen und Kassenbrille eher ein Verlierertyp, ist seit Monaten der Dauerchampion, aber die Einschaltquoten sinken. Ein neues Gesicht muss her, und mit Charles van Doren, dem smarten Akademikersohn und Universitätsdozenten, lässt sich diesmal die andere Hälfte der Zuschauernation gewinnen. Der Austausch wird vollzogen, doch Stempel gibt sich nicht geschlagen. Mit Hilfe des Bundesanwaltes Richard Goodwin beschuldigt er den Sender der Manipulation und bewussten Irreführung des Publikums. Er bringt den Fall vor einen Senatsausschuss, doch das Ganze endet wie das
Hornberger Schießen.
Kurze Kritik:
Redford ist es gelungen, einen spannenden und gut geführten Film zu drehen, der bis in die kleinste Statistenrolle perfekt besetzt ist; allen voran glänzt John Turturro (Barton Fink) als Herbert Stempel.
von Dietmar Kesten,
GELSENKIRCHEN, IM DEZEMBER 2003.
|
|
|
|
|
|
|
Bei Fragen bezüglich eines Copyrights auf eine Abbildung oder auf Texte von Becritical.de schreiben Sie bitte eine Email an webmaster@becritical.de |
|
|