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Ich bin ein Star - Holt mich hier raus - Goodbye RTL
Die Gespenster von „Big Brother“ stürzen sich mit scheinbar unverminderter Energie in das Jahr 2004. Der Sender RTL hat mit einer neuen Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, die Finsternis des Fernsehens auf eine neue, schier unerträgliche Stufe gehoben. Im Wettbewerb mit ähnlichen ‚Reality’ Veranstaltungen, die aus Holland, Belgien oder den USA bekannt sind, versucht er nun mit einer Reihe von illustren ‚Stars’, die sich im „gefährlichen Freien“ (so RTL) der australischen Urwälder in einer Dschungel-Show zum Affen machen, seine Einschaltquote in die Höhe zu treiben, um gleichzeitig dem Publikum zu suggerieren, dass wir alle Kinder der Bewusstseinsindustrie sind.
Der Dschungel ruft! Menschen aus dem Showbusiness haben sich aufgemacht, um über mehrere Folgen hinweg einfallslose Gespräche zu führen, Prüfungen zu bestehen, damit als Lohn dafür Essen für die Truppe gesichert werden kann. Mit von der Partie sind: Werner BÖHM, Costa CORDALIS,
Susan STAHNKE, Carlo TRÄNHARD, Daniel KÜBLBÖCK, Lisa FITZ, Dustin SEMMELROGGE, Antonia LANGSDORF,
Mariella AHRENS, Caroline BEIL. In den ersten Folgen sah man CORDALIS in einer Schlangengrube.
Später biss er einem Käfer den Kopf ab. KÜBLBÖCK tänzelte auf einer Hängebrücke, Caroline BEIL befand sich im Clinch mit einem aggressiven Strauß. Ansonsten lag man auf Pritschen und wartete. Worauf, das ist nicht bekannt. Auch nicht, was der Dschungel mit diesen Menschen eigentlich tut.
Mit jedem neuen Fernsehprodukt dieser Machtart entsteht eine neue Religion des Marketing. Gerade dieser Sender hat mit zig Flops gezeigt, dass er mit seiner Vielgötterei die Seiten des Konsums ebenso beherrscht wie die Akteure. Wenn beide Seiten, die nur Figuren des totalen Marktes sind, auch sonst keine Persönlichkeit haben, so nehmen sie aber doch für sich in Anspruch, immer noch irgendwo Konsumenten von Waren zu sein. Selbst die, die aus der regulären Produktion ausgestoßen sind, finden in diesen Sendungen noch genügend Möglichkeiten, ihre Seele zu verkaufen und die Welt der Waren auf die Formel zu bringen: ich bin ein Konsument, verdinge mich, also bin ich!!
Dass sie auswechselbar sind, und dass sie dem Sender letztendlich gleichgültig sind, interessiert an dieser Stelle nicht. Allerdings die Tatsache, dass die Inhalte dieser Sendungen unerträglich
werden, und dass sich hier mit Deutlichkeit der verlorene Bezug zur gesellschaftlichen Realität widerspiegelt. Dieser halluzinatorische Vorgang nimmt den Charakter eines Spiels an, aber keines intelligenten, sondern eines infantilen. Gibt man doch vor, eine neue Qualität erreichen zu wollen, weil es um die „Sache selbst“ geht, und weil man herausfinden will, „was Stars in einer solchen Umgebung machen“ (so RTL). Bekanntlich suggerieren solche Sendungen, dass mit diesen Leuten gleichzeitig auch Freiheit und persönliche Träume eingekauft werden können. Das zielt darauf ab, Klischees über Klischees zu erzeugen: die selbstbewussten Frauen, die starken und erfolgreichen Männer, die jugendlichen Emporkömmlinge, der aktive Senior usw.
Zwar ist diese Täuschung relativ einfach zu durchschauen, doch der Sender streut sie trotzdem bewusst. Und somit sehr wirksam. Das gilt umso mehr, wenn das Produkt den Ruhm dieser Menschen
verkündet und sie somit Mittel zum Zweck werden. Die Akteure verlieren unter diesem Blickwinkel betrachtet, endgültig ihre Würde. Ihre scheinbare ‚ästhetische Form’ löst sich virtuell auf,
wird zum Design eines warenförmigen Image. Nicht umsonst geht die totale Kommerzialisierung mit einer ebenso totalen Medialisierung einher. Sie verselbständigt sich. Als Design von Waren setzt sie sich in einer Pseudo-Wirklichkeit und in der warenförmigen Verblendung fort.
Die Medien übertrumpfen sich mit scheinbar ‚realen’ Erlebnissen gegenseitig. Persönlichkeiten und tatsächliche Ereignisse werden zum Film. Ist die Realität schlechter als dieser Film, dann ist dieser Film vielleicht eine bessere Realität. Jedenfalls zeigt sich hier, dass die Postmodernität in der Medienlandschaft zum absurden Verlust des Realitätsbegriffs führt. Aber das wäre nicht möglich ohne die Entsprechung in der Form des Subjekts zu finden. Daher sind auch diese Dschungelhelden ein letzter großer Schub ihrer eigenen Individualisierung, die sie vollenden und radikalisieren.
Jeder ist hier sein eigener Sklave, sein eigener Trainer, sein eigener Guru und sein eigener Horrorfilm. Jeder ist aber auch sein eigenes Kunstwerk, vom Sender geschaffen für ein Gesamtkunstwerk, dass sich Fernsehen nennt. Sie verkaufen sich mit Haut und Haaren und sind Waren auf zwei Beinen. Sie verwandeln sich zum lebenden Design und imaginieren sich selbst. In der Welt des Senders, der Produzenten und der Konsumenten von Waren werden sie selbst zu einer einzigen großen Bühne und Fernsehsendung. Und jeder wird zum Schauspieler seiner selbst.
Der Sender hat Freude daran. Hier kann man sich selbst inszenieren, an seiner medialen Persönlichkeit arbeiten, die jedoch nur eine Attrappe darstellt. Der (brave) Konsument hat zu kaufen und schließlich zu konsumieren. Das eigene Design ist alles was zur Selbstdarstellung gehört. Nicht nur die Kleidung, die Einrichtung, die Umgebung und die Requisiten, sogar der Werbespot zwischen der Sendung verwandelt sich in eine kommerzielle Parodie. Bilder bleiben schlicht Verpackungsmaterial, die sich in der totalen Entblößung dieser Individuen äußern.
Es kann nicht verhehlt werden, dass die Erscheinungen des sozialen und ökonomischen gesellschaftlichen Zerfalls auch dieses Fernsehen erfasst hat. Und auch nicht, dass seine Armut noch geringer ist als die inszenierten Biografien dieser Menschen. Die Gleichgültigkeit des Senders, der sich mit diesem abgelösten Design gegen jeden Inhalt richtet, ist nicht unendlich fortsetzbar. Denn irgendwann wird diese Schmerzgrenze überschritten. Und die zur eigenen Warenförmigkeit degradierten ‚Stars’ nehmen heute vielleicht in diesen Sendungen das Ende des postmodernen Fernsehens vorweg.
von Dietmar Kesten,
GELSENKIRCHEN, 14. JANUAR 2004.
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