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Gute Zeiten - Schlechte Zeiten
Endlich hatte Deutschland seinen ‚Superstar’ gefunden. Auf RTL schlug Alexander im Finale Juliett. Dieter BOHLEN war begeistert, 1Live-Moderator Thomas BUG war den Tränen nahe, der Macher im Hintergrund, Onkel STEIN, schien wie aufgebläht, das Publikum raste vor Begeisterung. Millionen Menschen an den TV-Geräten fieberten mit, als Moderatorin Michelle HUNZIKER kreischte: „Greifen Sie jetzt zum Telefon!“ Doch der Spuk war damit nicht vorbei. Schon rasten die nächsten monströsen Sendungen auf das Publikum zu, die jetzt mit „Star Search“ (SAT1) das getriebene Dasein von angehenden Stars, Sternchen und Publikum zu einem modernen Dressurbetrieb verwandeln, bei dem das Subjekt nur noch ein Wesen ist, das seine permanente Leistungsbereitschaft signalisiert.
Deutschland ist ein gutes Deutschland. Es findet seine Stars von ganz alleine. Und wenn sie schon nicht Daniel KÜBLBÖCK oder Martin KESICI heißen, dann sind es all diejenigen, die der Kulturbetrieb feil hält, um Millionen verdienen zu können, selbst dann, wenn sie sich nur als Werbepuppen zur Verfügung stellen. Wenn es schon nicht die tranigen Politiker sind, die Wirtschaftsbosse und Fußballprofis, die ‚Vorbilder’ abgeben, dann wenigstens Menschen aus unserer Mitte. Sie hatten sich über Monate vorbereitet, sich bis in die Endausscheidung gekämpft, zig Mitbewerber hinter sich gelassen, geweint, gezetert und hatten am Ende doch verloren. Die Bühne ist leblos wie ein Toter, sie ist gnadenlos. Wir stehen blind und schweigen! Aber man benötigt sie, mal wird sie künstlich erzeugt, mal ist sie so real wie der Regen.
Die Spaßgesellschaft kennt eben keine Gnade. Unser Begehren wird einfach zu einer einzigen Inszenierung umcodiert und erhält ein symbolisches Korsett. KÜBLBÖCK sieht sich zum verwechseln ähnlich und ist doch bis zur Unendlichkeit entstellt. Alexander, Juliett, Vanessa und wie sie noch hießen, mutierten auf der Bühne zu lächelnden Monstern. Die Welt und ihre dämonischen Konfusionen nimmt niemand von ihnen mehr wahr; denn die Plattenverträge mit Millionengagen locken.
Der Angelpunkt ist die deutsche Götterdämmerung, das helle Begehren der Liebe, das tödliche Begehren der Macht. Hysterie und Melancholie - so selten war man nie vereint. In der gesamten Welt der alltäglichen Verrichtung mit ihrem grell erleuchteten Vorstellungsraum, sahen die ‚Superstars’ wie gequälte Wesen, wie verlorene Figuren aus dem Existentialismus aus. Doch RTL und SAT1 pflegen eine komödiantische Spielweise, die augenblicklich begann und in einer großen sadomasochistischen Zirkusvorstellung endete.
Show und Soap kannte man bereits von „Big Brother“, und auch die dort auftretenden ‚Stars’, die sich dem Publikum entblößten, huldigten nichts anderem als diesem elenden Voyeurismus, der leider zur lieben Gewohnheit der medialen Welten geworden ist.
von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, 28. Dezember 2003.
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