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Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs: LEBEN UND STERBEN
Wie gewöhnlich, so erstürmte auch in diesem Jahr eine weitere Folge vom "Herrn der Ringe" die Kinos. In diesen Tagen, bevor die Nacht einen weiteren Mythos feil hält, scheint die "Herr der Ringe" Hysterie nahezu beklemmende Zustände auszulösen. Der Zeitpunkt für Folge 3 kann nicht besser gewählt sein. Einmal im Jahr mit Sauron, Frodo, Gollum, Legolas oder Arwen die jährliche Erinnerung zu feiern, das hat etwas. Schließlich ist es die Gemeinschaft der Lobhudelei, die dazu animiert, sich an das tierische Recht des Stärkeren zu erinnern.
Die Hüter der Ring-Saga, die rückwärtsgewandt jede Kritik damit abtun, dass es sich hierbei doch nur um die Verfilmung eines Märchens, eines fantasievollen Dramas handelt, verstehen nicht, dass Tolkien alle Binnenepen zusammenrührte und daraus eine Ring-Mythologie mit fragwürdigen Aussagen zauberte, die jetzt gefeiert werden. Selbst Georg SEEßLEN (Kulturkritiker, schreibt auch für "Die Zeit) sah sich dazu veranlasst, den "Herrn der Ringe" als den "ökonomisch, technisch und semiotisch bedeutendsten Film zu Beginn des neuen Jahrtausends" zu bezeichnen. Wer will sich auch in die brodelnde Fantasy-Suppe spucken lassen?
Der Aberglaube bezog seine siechende Kraft aus der Vorstellung des ewigen Lebens. Das erleichterte jeder SF-Literatur, jeder Märchengattung, in denen die Handlung der Gefährten oder Gesellen, denen ‚andauernde Freiheit' und ‚unendliche Gerechtigkeit' widerfahren durfte, ihre Aussagen mit radikalen Worten zu tarnen. So entstand ein psychosozialer Gesamtkomplex, der immer auf ein bestimmtes Individuum oder ein bestimmtes Gattungswesen ausgerichtet war. In selbstherrlicher Verblendung war das Leid der peripher Getroffenen wertlos, nichts anderes als ein sogenannter Abbuchungsposten, der die schwarzen Schafe enttarnte und sie der ‚gerechten' Strafe zuführte.
Die deutsche Volksliteratur z.B. ist voll davon. Wer sich an die Gebrüder GRIMM erinnert, der erfährt schnell, welche Geschichten sie sammelten, und wie sie mit ihnen die Reinheit der Sitten und die schmerzhaften Rachegelüste auf die Spitze trieben ("Frau Holle", "Aschenputtel", "Brüderchen und Schwesterchen"). Die Nibelungensage und ihre Heroen kultivierten jene Götterwelt, die unangreifbar schien, in Leib und Seele mit Macht ausgestattet waren. Sie schuf eine eigene Kultur, die später im Faschismus das Konstrukt einer germanischen Rasse begründete, woran der Komponist Richard WAGNER einen nicht unerheblichen Anteil hatte.
Das schwulstige Pathos, das im Märchen, in den Fantasy- Abenteuern, in den Sagen so grenzenlos überheblich ist, nährt sich zusätzlich noch daraus, dass in ihnen die Bluts- und Bruderschaftsbeschwörungen lustvoll ausgeschmückt werden, und dass sie letztlich die heldenhafte Gesinnung im Geist der Mäßigung und der Treue propagieren. Bisweilen ist diese naive Selbstdarstellung mit einer trostlosen Gefühlslage verbunden, die mit einer Fülle von Leiden und Schmerzen einhergeht, die allerdings ‚Tugenden' sind, und deshalb so vehement mit Kritik überzogen werden müssen.
Die Schizophrenie dieser ‚Glückseligkeit', die mit Todesmut verknüpft, auch die religiösen Seiten dieser ‚lebendigen Toten' widerspiegelt, setzt einen hoffnungsvollen Glauben ein, der in einem zweiten Leben als ‚Joker' zu funktionieren hat. Der Rettungsanker funktioniert nur in dieser angstvollen Hoffnung, die im Märchen, im Mythos, in der Sage und in den Fantasy- Spektakeln den Boden für Esoterik, Übernatürliches und Aberglauben bereiten, die nichts mit der blanken Realität zu tun haben, und deshalb die Rückkehr in den bürgerlichen Mutterschoß wagen.
Im "Herrn der Ringen" betreibt die Kulturindustrie mit diesen Brosamen eine peinliche Durchdringung der bedrängten Kreatur, die den Gemütern einer herzlosen Welt mit einem neues Selbstwertgefühl kommt, das jedoch hinter dem Donnerlärm und der angebotenen ‚Kriegsmaschine' mit einer Zwiebel zu vergleichen ist. Kernlos maskiert sich diese Charaktermaske, um von der Hohlheit dieses Genres abzulenken. Ein kritisches ‚Selbst' ist dort nicht mehr gefragt. Das Subjekt soll es gar nicht mehr geben. Es will auch nicht gefunden werden. Das Reflexionsvermögen, alles auszuradieren, um dann für einen plumpen Ring das Tischtuch zu zerschneiden, ist mehr als aufgesetzt.
Der "Herr der Ringe" kann jedoch auch mit seiner Zerstörung nach Innen und nach Außen dazu beitragen, dem modernen Anspruch der Konkurrenz gerecht zu werden. Deshalb sind die Vergleiche mit Kulturideologie und Kulturproduktion durchaus angebracht. Sein bizarrer ‚Friedenskrieg' ist im übertragenen Sinne mit der Verwilderung der Gesellschaft zu vergleichen, der andauernd ist, und der Tod im Märchen, in der Fantasy, soll heucheln, dass das eigentliche Leben erst nach ihm beginnt.
Die Warenproduktion findet offenkundig daran Gefallen. In den Predigten und den Geschichten dieser Machwerke werden geistlose Zustände eingefordert, die soweit gehen, dass sie den lebendigen menschlichen Verfall einfach und ohne wenn und aber sanktionieren. Es sind diese Fäulnisprozesse, die sich im erschreckenden Maße im Kino unserer Tage niederschlagen. Die Erlösungsfantasie des "Herrn der Ringe" ist dann in dieser Form tatsächlich ein Novum im postmodernen Bilderzirkus, den der Literaturwissenschaftler Stephen SCHAPIRO kritisiert, und JACKSON seine Reise in die mythische Vergangenheit gar nicht abnimmt. Meint er doch, "er habe die Orcs aus schwarzem Urschlamm geformte Söldnerheere, mit den Zügeln der Aborigines versehen". Für ihn ist selbst das raunende Romankonglomerat ein "komplex verwuseltes vages Feld", das eine paradoxe Mischung "aus Schicksalsglaube und praktischer Affirmation" darstellt.
Die Ohnmacht des Menschen, der sich dieser Art von Heilsversprechen unterwirft, überlässt diesen Filmschinken sein eigenes Schicksal: Raum und Zeit überspringen, Leib und Seele wechseln, um am Ende von Sauron überholt zu werden, der sich selber reproduziert. Und wenn er schon kein Mensch mehr ist, dann kann er seine eigene Gesellschaft aufmachen. Der selbstbewusste Mensch war ein Aufruf der Aufklärung. Wenn er jetzt medial zum ‚Schicksalsberg' wird, dann wird die Aufklärung selbst hinfällig.
von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, 24. DEZEMBER 2003.
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