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Letztes Update: 01.02.2004
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KRANK IN EINER KRANKEN UMGEBUNG - EIN RÜCKBLICK AUF DIE RTL-SHOW "ICH BIN EIN STAR - HOLT MICH HIER RAUS"

Die Dschungel-Touristen sind zu Hause. Ihre Berater müssen nun Erinnerungen produzieren. Diese Erlebnisse in der australischen ‚Einsamkeit' werden nun postwendend vermarktet. Ein leichtgläubiges Publikum reklamiert das gerne für sich, weil diese, einmal zur kollektiven Bedeutung geworden, sich ständig neu reproduzieren, voll entfalten - und innerhalb der kulturellen Produktion einen sehr ausgefeilten Spielplan entwickeln, damit die Möglichkeit besteht, das eigene Leben zu inszenieren.

Jüngst haben nun einige lokale Radiosender (u. a. in Hamburg und Berlin) ihre Hörer dazu aufgefordert, sich für einen Wettbewerb zu melden, an dessen Ende die Wahl eines ‚Großstadt-Dschungel-Helden' stehen soll. Mit beachtlichem Erfolg für die Sender meldeten sich einige hundert Menschen, die bei Minusgraden nackt durch Fußgängerzonen liefen, in einer Kloake baden mussten, oder sich ihr Essen aus einem Abfallcontainer zu besorgen hatten.

Wer hätte gedacht, dass diese ‚kulturellen Lernerfahrungen' im Dämmerschein der Dschungel-Helden nun zum Eckstein für diesen und ähnlichen grenzenlosen Kulturkommerz werden würde? Nicht so sehr die ‚Erlebnisse' der Frauen und Männer im australischen Dschungel sind es, die eine dramaturgische Perspektive angenommen haben, sondern die Präsentation dieser Medienträumer ist es, die das kulturelle Leben derart ausbeuten, dass Menschen tatsächlich als interagierende Figuren herumlaufen und von einer Präsenz eines Beziehungsnetzwerkes sind, das zwischen der realen Welt und dem Cyberspace operiert.

Film, Fernsehen, Radio, und in der Zwischenzeit das World Wide Web sind darauf angelegt, das Neue, das Reale zu schaffen, die Sinne zu täuschen und ihnen Stärke vorzugaukeln. Eine Schaltung nach Australien hat eben vermittelt, ‚da zu sein', obwohl Tausende von Kilometern zwischen den Fernsehbeobachtern und einem jammernden KÜBLBÖCK lagen. Diese Kommunikationsmittel destillieren und transformieren auf schier unglaubliche Art die symbolische Essenz aus der kulturellen Erfahrung, gestalten sie mit Fantasiebildern neu. Und weil sie medial inszeniert werden, erscheinen sie noch lebendiger, noch realer, noch origineller. Nur deshalb konnten sie zum postmodernen Erlebnis werden, das aber in sich schon wieder eine nach-postmoderne Phase einläutet, weil die symbolisch vermittelte Umgebung mit dem subjektiven Ausleben der Phantasie die gesunde natürliche Welt in eine künstlich-abstrahierende verwandelt.

Als Handelsware einmal nutzbar gemacht, funktionieren diese Damen und Herren im Austauschverfahren. Weil das Medium Fernsehen so global nutzbar geworden ist, sind sie medial so eingeschlossen, weggeschlossen, und so formbar geworden, dass sie Erfahrung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des modernen Kulturbetriebes darstellen. Über die Bühne und durch den Bildschirm durchschreiten sie die degenerierte Wüste der kulturellen Produktionen, die Wertschöpfung versprechen und sie gleichzeitig in warenförmige, künstliche Erfahrungen verwandeln.

Von den "Big Brother" Staffeln über "Deutschlands beste Partien" (RTL 2) bis zur ersten Dschungel-Folge war es indes nur der Übergang, der verblüffte, die künstlich arrangierte Umgebung, die dem heimischen Publikum vor Augen führte, dass alles realisierbar ist. Die Kulturvermarktung dieser Sendungen mit immer neuen Marketingtricks führt zur Bindung eines Millionenpublikums an diese Sendungen. Es legt gerne Skepsis und Unglauben ab: schließlich wird mit jedem gefilmten Alptraum die Sucht größer, selbst einmal dort zu stehen, um mit Ruhm und Geld als Selbstversorger ein für alle mal an der Sonne zu sein. So kauft es sich in stilisierte Umwelten ein.

Fernsehen und Marketing gehören auf dieser Ebene engstens zusammen. Die Kultur wird in einem bisher noch die da gewesenen Ausmaß schlicht geplündert. Die Sender müssen immer neue Themen erfinden, um das Publikum zu binden, um Produkte kaufen und zu verkaufen. Der Schritt zum Bewusstsein des Publikums ist bereits getan, jetzt kommt es nur noch darauf an, ihnen für alle Zeiten eine Meinung vorzugeben. Die Kulturindustrie hat dieses neue Bewusstsein bereits dadurch kreiert, weil sie die Fernsehkommunikation ins Zentrum des menschlichen Handelns gerückt hat. Sie definiert das Selbst in relationalen Begriffen, macht Erlebnisse und Erfahrungen zu einer theatralischen Angelegenheit, die letztendlich eine Art Beschreibung des Geisteszustandes des globalen Kapitalismus ist.

Das Fernsehen, das die Wahrnehmung des menschlichen Verhaltens verändert, verändert auch die Marketingexperten, die Berater und die kulturellen Vermittler dieser Sendungen. "Wir wollen nur Unterhaltung bieten". Dieser Standardsatz ist dann nichts anderes mehr als der lebenslange Markt der Unterdrückung und die Züchtung von multiplen Persönlichkeiten. Wenn jetzt neue Live-Übertragungen aus Amerika, die Menschen verschiedener Couleur beim Herunterschlingen von Essen zeigen, dann kann das diese Kulturwelt schon gar nicht mehr schocken, zeigt es doch auch hier vor einer johlenden Menge ihren destruktiven und schon vertrauten kulturellen Kontext. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch diese Welle nach Deutschland rüberschwappt. Vielleicht sehen wir bald Survival a la Rüdiger NEHBERG täglich vor Ort gedreht, und müssen uns ansehen, was Menschen mit ihren selbstgestrickten Alternativen für die Macher der Fernsehanstalten tun, wenn sie sich als informelle Chefs fühlen. In dieser totalen Ortlosigkeit besticht das Fernsehen nur noch mit dem Willen zum Selbstuntergang.

von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, 1. Februar 2004.

 
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