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Ich bin ein Star - Holt micht hier raus!: Rumble in the Jungle
Die mediale Inszenierung nach dem Finale der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" kann nur mit Worten wie Gehirnwäsche und Manipulation bezeichnet werden. Auf allen Fernsehkanälen gab es nur ein Thema: wer wird Dschungel-König? Es war DAS Thema der letzten Tage. Mehr als 7 Millionen Zuschauer sahen einem Geschehen zu, dass an Pietätlosigkeit kaum zu überbieten war.
Unablässig drehte sich diese Inszenierung der bewusstlosen Emotionalisierung im Kreis, und viele, viele haben mitgemacht, gesehen, zum Telefon gegriffen, oder sich mit Kommentaren gegenseitig überboten. Vom "Stern" bis zur "Bildzeitung", von der "WAZ" bis zur "tageszeitung", vom "Westdeutschen Rundfunk" bis zum englischen Sender "ITV": jeder musste Stellung beziehen.
Kein Superlativ wurde ausgelassen, um diese Dschungel-Helden in den höchsten Tönen zu loben. Vor allem war es wieder der Sender RTL, der sich zu wahren Lobpreisungen hinreißen ließ. Am 20. Januar gab es ab 19.00 Uhr sogar eine Sondersendung aus dem Dschungel, bei der der nahe Familien- und Bekanntenkreis dieser ‚Stars' zu Wort kam. Was sich hier in dieser medialen Bild- und Wortbombasterei zeigte, war geradezu eine peinliche Wertigkeit. Es zeigt sich nämlich, dass dieses ganze Gerede von einer kritischen Berichterstattung von denen selbst ad absurdum geführt wird, die die viel beschworene Zivilgesellschaft auf ihre Fahnen schreiben, um dann im gleichen Atemzug zu verkünden, dass die nächste Show schon vorbereitet wird.
Wenn man schon nicht Teil eines Lebensfilms selbst war, dann wurde man im Dschungel dazu einfach degradiert. Im nu wurde jeder Teil einer anonymen Zuschauerschaft, für die diese Vorstellung nun gar nicht schauderhaft war. Konnte man sich doch an der Konkurrenz laben. Und wenn man schon selbst nicht mitzuspielen gedachte, dann gehörte man wenigstens zu dem einen, oder dem anderen.
"Jeder will berühmt werden", behauptete Bruce WILLIS einst. Das stimmt ohne Einschränkungen.
Die Ursache dieser Entwicklung ist in der Fernsehkultur zu sehen. Sie nährt die eigene Unzufriedenheit, die Unzulänglichkeiten, die angesichts der Prominenten Gefühle des Neids aufbrechen lassen. Man sieht Sendungen, um damit das zu kompensieren, was man nicht hat, oder nicht erreichen wird. Die ‚Stars' liefern eine zugängliche Ikone, die für die
Bedeutung der Persönlichkeit der Fernsehzuschauer nicht zu unterschätzen ist. Sie nähren bei vielen Menschen die Hoffnungen, dass sie sich selbst einmal Zugang zu dieser Welt verschaffen und
auf die andere Seite der Scheibe wechseln können.
Es ist das Fernsehen, das die Gefeierten von der anonymen Masse trennt. Da es sich aber beim Fernsehen um ‚menschgewordene' Unterhaltung handelt, ist es der egalitäre Vorteil der Dschungel-Helden, dass man nicht zwangsläufig Talent braucht, um Prominenz zu erlangen. Man benötigt eigentlich nur die Kamera, das Objektiv und den Segen der Fernsehanstalten. Wenn die Kamera sie erst erfasst, reagieren sie sofort, und sie beginnen, sich zu entblößen.
In Deutschland scheint man nichts zu sein, wenn man nicht im Fernsehen ist. Um der Karriere willen opfert man sich selbst, und die Medien sind genauso wild darauf, den Leuten ihr ‚Glück' zu
gewähren. Und diese Menschen zeigen sich damit von ihrer schlimmsten Seite, lassen sich sogar demütigen, bloß um einmal berühmt zu werden. Heute benötigt man im Fernsehen Opfer und Täter.
Da es um den Unterhaltungswert geht, um Einschaltquoten und Profit, ist es den Fernsehmachern egal, wer den Ball auffängt. Der, der heute Opfer ist, ist morgen Täter und umgekehrt. Das Fernsehen hält für sie jede erdenkliche ‚Tat' bereit. Man muss skandalöse Dinge anstellen, damit sich ein Fernsehboulevardmagazin für das Schicksal einiger Prominenter interessiert. Erst dadurch werden sie aufgewertet, selbst wenn sie wie im Falle Costa CORDALIS, der Dschungel-König wurde,
schon längst in der Versenkung verschwunden waren.
Das Fernsehen holt sie alle wieder an die Oberfläche. Da Talent nicht mehr vorausgesetzt ist, sehen sich Möchtegernprominente und Prominente oft zum verwechseln ähnlich. Während die Massenmedien sie zu öffentlichen Lebensfilmen machen, sie hegen und pflegen, ihnen ihre Hauptrollen liefern, gibt es täglich Milliarden von persönlichen Lebensfilmen, die nicht auf die andere Seite der Scheibe wechseln können. Diese Lebensfilme spielen sich täglich auf den Straßen,
in den Büros, in Einkaufszentren oder in der Schule, im Wohnzimmer oder sonst wo ab. Dort hat man kein Millionenpublikum wie die öffentlichen Lebensfilme. Bisweilen hat man sogar nur wenige Zuschauer.
In Wirklichkeit ist aber der Mensch zur Macht der Selbstdarstellung verdammt. Egal wer er ist, und wo er sich aufhält: die Sehnsucht nach einem Moment der Prominenz ist gewaltig vorhanden.
Und diejenigen, die heute so gerne zum öffentlichen Lebensfilm würden, hadern mit ihrem Schicksal. Wenn das eigene Leben zu einem Theater mit Schauspielern wird, und wir in ihm lediglich nur eine Rolle spielen, dann ist es an der Zeit zu begreifen, dass die ganze Welt zu einer Bühne wird, auf der das Theatralische förderlich ist, auch um den Preis der Verlustigkeit der Authentizität und Selbstbestimmung des eigenen Lebens. Die Köpfe werden mit fragwürdigen Vorbildern gefüllt, die die angestrebte Wirkung nicht verfehlen. Das Fernsehen ruiniert diese Köpfe und hält alle Paletten an Gesten, Posen, Haltungen und Gesichtsausdrücken parat, dass man sich dem kaum noch entziehen kann.
Das theatralische Gebaren zeigt sich indes auch in der kulturellen Entwicklung- hin zu einem ganz neuen gesellschaftlichen Ideal. Die ‚Soap-opera' Darsteller exerzieren das täglich vor. Zwar gründen sie auf eine irreale Wirklichkeit, doch dem Fernsehen ist es egal: ein ‚Star" wird geboren. So verwachsen Unterhaltung und Verkauf miteinander, dass man beides kaum noch auseinanderhalten kann. Die Macht der Gefühle durchdringt alles. Und kommt erst der Konsum dazu, dann sind das oft zwei Seiten einer ideologischen Medaille. Die Bedürfnisbefriedigung steckt im Konsum und in der Unterhaltung gleichermaßen. Unterhaltung und Konsum bewirken den Rauschzustand, auf den wir so fixiert sind.
Das sinnlose Vergnügen geht nun in die nächste Runde. Nun wird in England ein neuer Dschungel-König/Königin gewählt. Mit dabei ist auch jene Katie PRICE, die sich in Deutschland als freizügiges ‚Boxen-Luder' einen Namen gemacht hat. Der "britisch-wilde" Dschungel soll "noch härter sein" (so die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 21. Januar): mit echten Krokodilen und mit noch mehr ekelhaftem Getier. Und jeder Mann fiebert den heißen Temperaturen entgegen,
damit Frau PRICE ihr Oberteil ablegt. Hier brechen nun alle Dämme. Das Leben ist ein schwieriges, manchmal kompliziertes Unterfangen. Wenn nun aber Leid, Gewinne, Hoffnungen, Verluste, Lust,
Schmerzen und Verzweifelung öffentlich zur Schau gestellt werden, dann fühlt man sich nicht mehr lebendig, und die eigene Menschwerdung verkümmert hinter dem Fernsehschirm zum Endschicksal, zu einem bitteren Finale, bei dem das Fernsehen noch seinen praktischen Nutzen daraus zieht.
von Dietmar Kesten
Gelsenkirchen, 21. JANUAR 2004.
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