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Spiel mir das Lied vom Tod
DIE WIDERSPRÜCHE LIEGEN IN DER WIRKLICHKEIT
ACHTUNG SPOILER, "Spiel mir das Lied vom Tod"!
Einleitung
Westernregisseure gab es viele. Neben Sergio LEONE waren es in Europa John FORD (Irland), ZINNEMANN (Österreich), WYLER und TOURNEUR aus Frankreich. Sie alle haben sich in diesem Genre versucht. Doch nur einer hat vielleicht DEN definitiven Western gemacht: Sergio LEONE, der berühmte Italiener. 1968 drehte er „Spiel mir das Lied vom Tod“. In Amerika wurde der Film ein Flop, in Europa ein Hit. Noch heute ist der Film oft im Fernsehen zu sehen, lief unlängst noch einmal auf ‚Kabel 1’. Der Film steht in jeder Videothek und ist über jeden Online-Verleihshop zu haben. Er wird immer noch wegen seiner Machart bewundert, wegen der Tendenz, Intellektuellencinema und Populärkino stringent miteinander zu verweben.
Eigentlich ist der klassische Western amerikanischer Machart, und er steht für DAS amerikanische Kino, das mit ihm und dem Gangsternfilm zur Blüte gelangte. Und er bediente auch universelle Themen wie Heimat, Ehre, Vaterland, Helden, Stolz und Moral, die später von den Kriegs- und Antikriegsfilmen adaptiert wurden. Sie wurden hier ausgeschlachtet und kamen in einem neuen Schub auf die Kinogänger zu.
Die Trivialmythen der Western, die sich in den Rächern, den Guten, den Schlechten, den romantischen Banditen, den reichen Grundbesitzern, den kriminellen Geschäftemachern, den schönen, manchmal unnahbaren Frauengestalten, die sich nicht-emanzipativ an die Seite der Helden stellten und sich ihnen als Hure hingaben, niederschlugen, waren wie ein Baukastensystem: man brauchte dort nur hineinzugreifen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Und der nächste Streifen entstand.
Jill McBain (Claudia CARDINALE), eine Edelprostituierte aus New Orleans, trifft mit dem Zug in Flagstone ein, einer Stadt im Südwesten der USA. Sie will zu dem Mann, den sie vor kurzem geheiratet hatte: den Farmer Jim McBain, der sich eine Ranch gebaut hat und dort mit seinen Kindern wohnt. McBain und die Kinder werden erschossen, erschossen von Frank (Henry FONDA), ein Gangster, der im Dienste eines Eisenbahnunternehmens, das einen Namen hat, steht: Morton (Gabriele FERZETTI). Jill beerdigt die Familie. Hier wollte sie Mutter sein, sich aufopfern, hingeben, ein Leben als Farmerin führen. Sie quartiert sich in der Ranch ein. Ihr Mordverdacht fällt auf jene Männer, die ihre Bekanntschaft suchen: Cheyenne (Jason ROBARDS), der Chef einer Gang, der wortlose Mexikaner mit der Mundharmonika (Charles BRONSON). Am Bahnhof von Little Corner hatte er drei Männer erschossen. Nun erschießt er zwei Männer, die Jill vor der Ranch auflauern. Im Hintergrund hört man immer die Mundharmonika mit ihren eigentümlichen Tönen, die Sieg oder Niederlage ankündigen. Jill fängt an zu begreifen: aus der Ranch sollte einmal ein Bahnhof, eine Stadt werden; denn die Gleise der Eisenbahn Mortons rücken näher. Auf McBains Grundstück steht der einzige Brunnen. Deshalb hat Frank die McBains umgebracht. Dieser macht sich jetzt an Jill und an ihren Besitz heran. Harmonika vereitelt diese Schachzüge. Nach einem Mord an der Leibwache Mortons irrt dieser völlig hilflos durch das Abteil und stirbt schließlich vor seinem Salonwagen. Harmonika sitzt unterdessen vor Jills Ranch und wartet auf Frank. Kurz bevor er Frank erschießt, erinnert sich dieser an das eigentliche Spiel, in dem er sich bewegt, und das er spielt: er erinnert sich daran, dass ein mexikanischer Junge mit einer Schlinge um den Hals auf den Schultern seines Bruders stand. Er erinnert sich daran, wie dem verzweifelten Jungen eine Mundharmonika zwischen die Lippen gesteckt und gesagt wurde: „Spiel mir das Lied vom Tod!“
Die klassischen Szenen
Die eigentlichen Handlungsorte sind Flagstone, die Ranch Sweetwater, die Eisenbahnstation von Little Corner, Mortons Eisenbahn, die Wäscherei von Wobbles, Jills Fahrt durch Monument Valley. In Little Corner sieht man drei finstere Gestalten mit langen Mänteln, die sich dort aufhalten. Der Zug kommt, sie ziehen ihre Waffen. Der Zug hält, niemand steigt aus. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzt, wollen die Männer die Station verlassen. Da ertönt die Harmonika und ein weißgekleideter Mann steht auf der anderen Seite der Gleise. Der beste Dialog des Films kleidet sich in die Worte:
- „Wo ist Frank?“ (Mundharmonika).
- „Frank hatte keine Zeit.“ (der Boss).
- „Habt ihr ein Pferd für mich?“ (Mundharmonika).
- „Wenn ich mich so umsehe, dann sind nur drei da. Sollten wir eines vergessen haben?“ (der Boss).
- „Ihr habt zwei zuviel.“ (Mundharmonika).
Im Showdown erschießt Mundharmonika die vier Männer.
Eine Hochzeit wird vorbereitet.
Das Gründungsritual einer jeden Gesellschaft beginnt. McBain, der Vater lässt von den Kindern für Jill Essen von der Ranch in die Einöde tragen. Als er zum Brunnen geht, um Wasser zu holen, fällt ein Schuss: seine Tochter stürzt getroffen zu Boden. Als nächsten trifft es ihn mit mehreren Kugeln, dann seinen ältesten Sohn, der Jill vom Bahnhof abholen soll. Jimmy läuft aus dem Haus und sieht seine Familie tot am Boden liegen. Aus dem Gebüsch kommen finstere Gestalten mit langen Mänteln. Jeder von ihnen trägt eine Waffe. Der Kapitalist Morton, der nur durch Frank existieren kann, will seinen Traum verwirklichen, die Eisenbahnschienen bis zum Pazifik voranzutreiben. Der Eisenbahnwaggon ist sein schlechtes Gewissen und gleichzeitig sein Zuhause. Er kann sich nur auf Krücken bewegen und nimmt dafür jegliche Demütigung in Kauf. Er hofiert Frank, der gerne seine Vergangenheit als Killer abstreifen will um Geschäftsmann und Politiker zu werden. Im Bahnhofsgebäude von Flagstone wartet Jill auf ihren Ehemann. Nach endloser Warterei bringt sie eine Kutsche auf die Ranch Sweetwater. Jill ist bestrebt, den Besitz zu verwalten und sich zu arrangieren. Cheyenne ist verrückt nach Jill. Er besucht die Ranch wo und wann er will, quartiert sich auch dort ein. Der klassische Ausspruch: „Ist mein Kaffee fertig?“ Am Ende des Films bringt sie den Bauarbeitern Wasser, während Harmonika mit dem toten Cheyenne aus dem Bild verschwindet.
Harmonika ist der einsame Rächer. Er ist überall. Im Waschsalon, am Bahnhof, im Abteil, bei Jill. Er beginnt mit dem Bau des Bahnhofs. Er vermisst die Grenzen, kauft Land und gibt seinem Erzfeind sogar Schützenhilfe. Die Todesmelodie ist sein Markenzeichen. Sie erklingt überall und kündigt nahe Tode an. Und er hebt sich auch deutlich von den Großaufnahmen, die wie aus einem Museum für Westerntand stammen könnten, ab: die abgesägten Läufe der Trommelgewehre, die Stiefel, die langen Staubmäntel. Im Showdown zwischen Frank und Harmonika ist dieser ritualisiert, und man erfährt, dass die Musik die Kontrahenten umkreist.
Populäre Western als Vorlage
„Spiel mir das Lied vom Tod“ (im Original „C’ era una volta il West“) hat Verbindungen zu „High Noon“ (Regie: Fred ZINNEMANN, 1952), was viel über die klassische Form des Westerns aussagt. Die Szenen zwischen Frank und Harmonika erinnern an den Klassiker „Stagecoach“ (Regie: John FORD,1939) und dem ersten ausgespielten Showdown der Filmgeschichte, in dem der junge John WAYNE die Brüder Plummer erschießt. Westernhelden, die weggeschossen werden, gab es viele. Erinnert werden soll an: Jack ELAM und Woddy STRODE. Sie spielten in „Sergeant Rutledge“ (Regie: John FORD, 1960). Szenen der Männer mit den langen Staubmänteln, die zerschunden und müde aussehen, verlebt und genervt, haben Parallelen zu „The Searchers“. (Regie: John FORD, 1956). Eine Reihe weiterer Western z. B. „The Professionals“ (Regie: Richard BROOKS, 1966, „The Wild Bunch“ (Regie: Sam PECKINPAH, 1969 oder “Pat Garrett and Billy The Kid” (Regie: Sam PECKINPAH, 1973) reihen sich mit Parallelen hier ein.
In Italien war LEONE der entscheidende Regisseur für Spaghetti-Western. Obwohl Duci TESSARI, Sergio CORBUCCI bekannt sind, so spielte er die meisten hochkarätigen Western ein. Erinnert werden soll an: „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965), „Zwei glorreiche Halunken“ (1966). Von ca. 1964-1975 entstanden alleine in Italien rund 400 Western. Dort empfahlen sich alle Genres: von der Unterhaltungsklamotte bis zum gediegenen intellektuellen Anspruch war alles dabei.
Die Musik
Der Haus- und Hofkomponist aller LEONE Filme war Enrico MORRICONE. Seine Musik in „Spiel mir das Lied vom Tod“ war phänomenal, die an die besten Zeiten von VANGELIS erinnert. Sie holte alle restriktiven Kräfte, die sich durch den Film ziehen, an die Oberfläche, angefangen von der Todesmelodie bis zum Tal der Einsamkeit. Für LEONE war die Musik ritualisierend. Mit dieser erklärte er gerne das Verhalten seiner Helden, deren Langsamkeit, aber auch deren Stärke nebst Unwissenheit. Sie war von einem harmonischen Klang getragen, erinnernd an arienhafte Kompositionen. Strukturell steht sie für die Zivilisiertheit, aber auch für den Neubeginn des Films. Sie ist modern-anarchistisch und bürgerlich-erhaltend. Die Widersprüche, die sich dort auftun, sind auch symptomatisch für den Film: das Todesballett ist die Musik. Sie symbolisiert das Leben, das Überleben und den Tod, die Langsamkeit, die Getragenheit, einen Neubeginn. In strenger Eingrenzung des Raumes ist sie mit den Filmabläufen, mit dem Schnitt, der Regie und der Zeitlupe das tragende Moment in den Schlussakkorden.
Die Botschaften
Je näher die Helden sich an die modernen Zeiten herantasten, dem Ende der Welt im Kino entgegenstreben, umso deutlicher verlassen sie das Genre des klassischen Westerns. Diese Handlungsorte in „Spiel mir das Lied vom Tod“ zeigen die Zerrissenheit der Zeit, die alternden Helden in dieser zerklüfteten Zivilisation der Wildheit und des Neubeginns. Da beides von Filmen und der Filmgeschichte immer wieder verschlungen wird, werden auch die Figuren immer verzweifelter: mit jedem konventionellen Western, der als Studiostück sein Dasein fristet, sind auch die neuzeitlichen Western diesem Zeitspiel unterworfen. „Spiel mir das Lied vom Tod“ war keine Ausnahme, aber eine gekonnte Weiterentwicklung auf dem Versuch, dieses Genre zu ‚verjüngen’.
Brachte einst Clint EASTWOOD den zynischen Macher, der keiner gesellschaftlichen Moral verpflichtet ist, nur seiner eigenen Professionalität im Töten ins Kino, so schießen die Staubmantelträger diese Haltung einfach weg und überlassen der Regie das gesamte Ambiente. Ihr Auftreten ist Schicksal, vernarbt durch das Leben. Sie nehmen, geben nicht, sie fordern gleichbleibend, und ihr aggressiver Schlund ist ihre subtile Explosivität im Auftreten. Sie sind die Inkarnation des Bösen! Henry FONDA beherrscht diese Rolle perfekt. Das Gewissen schlägt immer. Schon in „Der junge Mr. Lincoln“ (Regie: John FORD, 1939), später in „Die zwölf Geschworenen“ (Regie: Sydney LUMET, 1957) wusste er, dass alles eine Inszenierung ist, ein Film im Film, ein neue Sequenz. Er war die Perfektion des liberalen Amerika. Aber hier ist er der dunkle Vollstrecker. Ob er ahnte, dass Amerika begann, seine Grenzen neu abzustecken?
So wie er den körperlich betonten, marchialisch anmutenden Entfremdungsmörder spielt, so ist der genaue Kontrast zu ihm die Visualisierung des amerikanischen Traums im Film. Denn die Wirklichkeit ähnelte dem Bau der Eisenbahn, Besitz und technischer Fortschritt. Beides ist hier miteinander verbunden, produziert immer neue Konflikte: nicht nur eine friedliche, demokratische Besiedelung will LEONE sagen, sondern eine vermutlich ebenso radikale durch Mord und Gewalt. Hier bringt er dann auch Korrekturen im Rahmen der amerikanischen Geschichtsschreibung an, die in die Grundkonstellation einmünden, dass Sieger und Besiegte im Kapitalismus einen endlosen langen Kampf ausfechten, der nie beendet sein wird.
Vielleicht zuviel Interpretation. Doch die gesellschaftliche Wirklichkeit war 1968 keinen Deut besser als 2004. Diese Aussagen mögen eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen, und die Resignation, das Leben genommen wird, war im übrigen 1968 (trotz weltweiter aufkommender Autonomiebestrebungen der Jugend) genauso weit verbreitet, wie heute. Resignation im Film wie im alltäglichen Leben, das mag kein dauerhaftes Erfolgsgeheimnis sein, dafür bietet sie aber die Möglichkeit, über das Leben nachzudenken.
Der teilweise hochgezüchtete Konflikt zwischen Frank und Harmonika kann als Allegorie über die Ausbeutung Lateinamerikas (Umgebung der mexikanischen Revolutionskriege) verstanden werden. BRONSON und sein markantes Gesicht spiegelt die Gesichtszüge dieser Revolutionshelden eindringlich wider. Und der Grund der Feindschaft ist die Rückblende: wir werden nie vergessen, vergeben erst recht nicht. Mit diesem Antagonismus verhilft sich der Film zu einem unglaublichen Abgang: alle Erzfeinde werden im Showdown getötet. Das ist ritualisierender Krieg. Ob sich LEONE dessen bewusst war? Doch nur so konnte er das Verhalten seiner Helden erklären.
Frank stirbt mit dem letzten Ton der Mundharmonika. BRONSON, der später im Film herumgereicht wurde, und niemals mehr seine schauspielerische Dichte ereichte, scheint sich dafür gar nicht mehr zu interessieren. Er reitet einfach davon. Schockartig wird klar: auch wir laufen vor der Zeit weg. Ist es Narzissmus, Egomanie, verlogene Kindheit, oder etwa verlorener Kinoglanz? Mit den Figuren, die im Film untergehen, geht LEONE auf Distanz. Die ausgeleierten Kinotypen haben ausgespielt. Sie haben keine Zukunft mehr, sie haben ausgedient. Sie werden zerstört. Das Leben wird zerstört, wie in Vietnam. Es gibt keine Rettung! Das Westerngewand ist die Kaki-Uniform. Überall gegenwärtig sind lange Mäntel, Hüte, Revolver, Maschinengewehre und Helikopter. Die neue Zeit im Kino und im Leben beginnt auf dem Schlachtfeld.
von Dietmar Kesten,
Gelsenkirchen, 6. April 2004.
Benutzte Literatur und Auswahlfilmographie:
Oreste de Fornanin: Sergio Leone, München 1984.
Christopher Frayling: Spaghetti Western, London 1981.
Joe Hembus: Westernlexikon-1272 Filme von 1894 bis 1975, München 1976.
Georg Seeßlen/Claudius Weil: Westernkino.
Geschichte und Mythologie des Westernfilms, Hamburg 1979.
Für eine Handvoll Dollar, Regie: Sergio Leone, 1964.
Für ein paar Dollar mehr, Regie: Sergio Leone, 1965.
Zwei Glorreiche Halunken, Regie: Sergio Leone, 1966.
Die Gefürchteten Vier, Regie: Richard Brooks, 1966.
Zwei Banditen, Regie: Georg Roy Hill, 1969.
Sie kannten kein Gesetz, Regie: Sam Peckinpah, 1969.
Littl Big Man, Regie: Arthur Penn, 1969.
Pat Garrett jagt Billy The Kid, Regie: Sam Peckinpah, 1973.
Duell am Missouri, Regie: Arthur Penn, 1976.
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